Wenn Du was übrig hast, teile

Der ehemalige Braunschweiger Unternehmer Herbert Haun hat im letzten Jahr die Stiftung „Lebendiges Lehre“ gegründet. Was ihn dazu motiviert hat, was er mit seiner Stiftung bewegen will und wie ihn die Bürgerstiftung Braunschweig dabei unterstützt – darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Haun, ich frage es ganz direkt und voller Vorurteile: Wie kommt jemand mit einem großen Faible für technische Software und Eisenbahnen dazu, eine Stiftung mit dem Namen „Lebendiges Lehre“ zu gründen?
Das eine schließt das andere nicht aus! Neben dieser technischen Welt gibt es ja das echte Leben, dem ich mich sehr gern widme. Mein Interesse für Menschen wurde über viele Stationen hinweg geweckt. Maßgeblich war eine Aussage meiner Eltern: Wenn Du etwas übrig hast, teile das mit denen, die nichts übrig haben. Zudem kam ich durch meine Lebensgefährtin Anne-Katrin Wulkow  2016 in Kontakt zur Stiftungswelt.

… und so ist der Wunsch nach einer eigenen Stiftung entstanden?
Nein, die Initialzündung war eine andere: Im Jahr 2020 verkaufte ich – mit dem Grundsatz meiner Eltern im Hinterkopf – meine Firma. Ich habe überlegt, wie ich mit dem Teil meines Vermögens, das ich abgeben wollte, umgehe. Eine Stiftung zu gründen, habe ich zunächst ausgeschlossen, weil es mir zu arbeitsintensiv erschien. Aber Lehre, um das vorweg zu nehmen, stand von Anfang an im Fokus. Denn das Dorf hat mich quasi aus einer persönlichen Krisensituation gerettet. Meine Idee war es also, vor Ort zu unterstützen. Die Alteingesessenen hatten mir von Veranstaltungen erzählt, die früher viel größer und schöner gewesen seien. Da habe ich gedacht, na ja, vielleicht muss man auch mal nach vorne gucken, sich zusammentun und Neues auf die Beine stellen. Wo etwas fehlt, wollte ich unterstützen und notfalls auch Geld zuschießen. Ich habe aber gelernt, dass das Finanzamt da enge Regeln setzt.

Wie meinen Sie das?
Aus gutem Grund fördert der Staat über Steuererleichterungen gemeinnütziges Engagement. Dieser Beitrag des Staates ist automatisch umso größer, je höher der Steuersatz des Engagierten ist. Das Volumen war daher in dem konkreten Verkaufsjahr der Firma um ein Vielfaches größer, als wenn ich es über meine nächsten (Rentner-)Jahre verteilt hätte. So kam das Thema Stiftung doch wieder ins Spiel – allerdings in der modernen und besonders wirksamen Form einer Verbrauchsstiftung. Das heißt, wir fördern nicht nur aus den Erträgen, sondern nehmen das gesamte Stiftungsvermögen und geben es über 15 bis 20 Jahre komplett für gemeinnützige Zwecke aus.

Mit dieser klaren Vorstellung haben Sie dann die Bürgerstiftung Braunschweig angesprochen. Warum?
Dadurch, dass Anne-Katrin und ich schon im Stiftungsumfeld aktiv sind, hatten wir bereits Vorwissen. Dann war aber die Frage, wie gründen wir unsere Stiftung rasch bis Ende 2020. Das ging nur mit einer Treuhänderin, weswegen wir uns drei mögliche herausgesucht haben. Am Ende hat die Bürgerstiftung das Rennen gemacht, da wir schnelle, lösungsorientierte und sehr kompetente Unterstützung bekommen haben. Außerdem war durch viele Treffen, zum Beispiel beim Bürgerkolleg, eine Art Ur-Vertrauen da.

Danke für das positive Feedback …
Ja, aber ich will noch einmal sagen, wir haben das wirklich sehr unternehmerisch entschieden. Die Schlagworte „Kennen, Können und Vertrauen“ haben den Ausschlag gegeben.

„Lebendiges Lehre“ ist gegründet, wie geht es nun weiter?
Zunächst wird es eine konstituierende Sitzung geben, in der auch der fünfköpfige Stiftungsrat bestimmt wird. Susanne Hauswaldt ist für die Bürgerstiftung dabei, außerdem meine Lebensgefährtin, die unsere Triebfeder ist, der Gemeindebürgermeister von Lehre, Andreas Busch, und Mario Etmanski, stellvertretend für die Wirtschaft. Den Vorsitz des Stiftungsrates werde ich übernehmen. Ich freue mich darauf, mit diesen Menschen und der Lehrschen Bevölkerung das Dorfleben mit zu gestalten. Die gesamten Verwaltungsaufgaben für „Lebendiges Lehre“ übernimmt die Bürgerstiftung.

Gibt es schon genaue Ideen, was Sie umsetzen möchten?
Konkret noch nicht, wir sind ja noch in einer gewissen Selbstfindungsphase. Zunächst wollen wir mit den Menschen ins Gespräch kommen und erforschen, wer sich schon engagiert und wo noch was zu tun ist. Zunächst wollen wir eine mobile Bühne für kulturelle Draußen-Veranstaltungen bereitstellen, um die Pandemie-Einschränkungen für die Akteure abzufedern. Aber es gibt vor allem schon ein klares Leitbild, das die Basis für unser Wirken ist: „Ermöglichen. Kooperieren. Zusammenhalten.“